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Die türkische Zivilluftfahrt

(Tuncay Deniz) Jahrzehnte fristete die zivile Luftfahrt in der Türkei ein Nischendasein. Streng kontrolliert von allen möglichen Staatsorganen, wurde sie von den Militärs nur geduldet und von den zivilen Behörden häufig mehr behindert denn gefördert. Erst Anfang der 1980er Jahre setzte ein wirklicher Umdenkungsprozess ein und verhalf der Branche zu einem regelrechten Boom.


Für die Türkei begann das 20. Jahrhundert mit einer Reihe verlustreicher Kriege. Die Luftfahrt hatte zwar schon 1911 mit Gründung einer Luftwaffe Einzug gefunden, doch konnte von einer zivilen Fliegerei noch lange keine Rede sein. Denn sowohl auf dem nordafrikanischen Kontinent als auch auf dem Balkan strebten immer mehr Volksgruppen ihre Unabhängigkeit an. Das wirtschaftlich schwache Land am Bosporus verlor in jahrelangen Konflikten eine Auseinandersetzung nach der anderen. Bereits arg dezimiert trat das Osmanische Reich 1914 an der Seite Deutschlands in den Ersten Weltkrieg ein. Vier Jahre später war das Land besiegt und okkupiert. Alle Flugzeuge, die die Kampfhandlungen einigermaßen überstanden hatten, wurden von den Alliierten eingesammelt und warteten auf ihre Zerstörung. Nach Kriegsende kehrte auch der Flieger-Hauptmann Sakir Fevzi (später General Fevzioglu) von der Ausbildung aus Deutschland in die Türkei zurück und begann sofort mit Überlegungen, wie die übriggebliebenen türkischen Flugzeuge vor den Zerstörung durch die Siegermächte gerettet werden können. Die einzige Möglichkeit bestand darin, ihren zukünftigen Verwendungszweck als ausschließlich „zivil“ zu deklarieren. Hauptmann Fevzi schlug daher vor, die Flugzeuge dem Post- und Fernmeldeministerium zu unterstellen, um in dem weithin zerstörten einen Luftpostdienst aufzubauen. In die Struktur des Ministeriums ließ sich ein solch neuer Sektor allerdings auch beim besten Willen nicht integrieren. Es musste daher eine neue Behörde mit mehreren Unterabteilungen geschaffen werden. Die eigentliche Postbeförderung sollte die Türkische Lufttransport-gesellschaft (Türk Hava Nakliye Cemiyeti, THNC) übernehmen, die aber auch erst noch gegründet werden musste. Als erster Schritt sollte die Strecke Istanbul–Konya (in Zentralanatolien südlich von Ankara) eingerichtet werden, um darauf aufbauend das Streckennetz schrittweise zu erweitern. Die ersten Besatzungen waren schnell gefunden. Bekannte Piloten wie Hauptmann Fazil, Oberleutnant Sakir Hazim, Femi Bey, Mazlum Bey und Vecihi Bey bewarben sich bei der THNC um eine Anstellung. Das Projekt wurde September 1919 zur Begutachtung dem Generalstab vorgelegt. Doch die ebenfalls damit befassten Verteidigungs- und Finanzministerien lagen untereinander im Streit und konnten sich über die Übergabe- und Unterhaltungs-modalitäten der Flugzeuge nicht einigen. Zudem war die britische Besatzungsmacht von Anfang an gegen das Projekt eingestellt. Das Vorhaben musste daher wieder zu den Akten gelegt werden. Erst mit Gründung der neuen Republik am 29. Oktober 1923 wurden alle Luftfahrtaktivitäten in einem Direktorat (Hava Müffettisligi) gebündelt. Zu dieser Zeit gab es aber noch immer keine zivile Kom-ponente. Jedoch hatten sich die ersten ausländischen Fluggesell-schaften gemeldet und eine Konzession beantragt. Auch die ersten Anträge auf Überflug- und Zwischenlanderechte waren eingegan-gen. Das Direktorat bekam alle Hände voll zu tun. Es verwundert daher nicht, dass der erste zivile Flug in der Türkei von einem ausländischen Piloten durchgeführt wurde. Das historische Ereignis datiert auf den 14. Februar 1924, als der Ungar Ivari im Dienst von Aero-Express R.T. Budapest mit der Junkers F 13 (H-MACE, Werknr. 639) die Strecke Istanbul–Ankara in drei Stunden und fünf Minu-ten zurücklegte. Ein Jahr später, am 7. April 1924, beflog auch die fran-zösischen Fluggesellschaft Franco-Roumaine mit einer Blériot-SPAD S.46 die gleiche Relation. Das besondere daran war jedoch, dass damit zum ersten Mal eine Flugverbindung zwischen Paris und Ankara her-gestellt wurde, wodurch die türkische Hauptstadt – wenn auch über mehrere Etappen – Anschluss an Zentraleuropa bekam.


1925 war es dann endgültig geschafft. Die türkische Zivilluftfahrt sollte von nun eigenständig operieren. Unter dem Titel Luft-Navigationsanweisung (Hava Seyrüsefer Talimati) wurde das Gesetzesvorhaben dem türkischen Ministerrat vorgelegt und von diesem am 9. September 1925 genehmigt. Im gleichen Jahr wurde auch die erste Konzession an eine ausländische Gesellschaft erteilt, um den zivilen Luftverkehr in der Türkei aufzubauen und durchzuführen. Es handelte sich dabei um die Deutsche Luft Hansa (DLH), die am 25. Oktober 1929 eine Luftpostlinie zwischen Berlin und Istanbul einrichtete und die Junkers AG, welche mit A 20 und F 13 eine mehr oder weniger regelmäßig bediente Verbindung zwischen Istanbul und Ankara schuf. Zur gleichen Zeit bemühten sich auch die Franzosen um eine Landeerlaubnis in Istanbul, um den Linienverkehr aufnehmen zu können. Dafür wurde eigens bei Maslak/Istanbul eine kleine Start-und-Landebahn gebaut. Auch die italienische Gesellschaft Aero Expresso Italiano drängte auf den sich öffnenden neuen Markt, setzten jedoch auf Wasserflugzeuge und bot neben Passagierflügen auch Luftpost- dienste innerhalb der Türkei an. Hierfür entstanden bei Büyükdere/ Istanbul Hangars und Verwaltungsgebäude. Zum fliegenden Personal von Aero Expresso Italiano gehörten bald auch die türkischen Piloten Hasan Fehmi Bursa und Ridvan Bey. Am 1. August 1926 eröffneten die Italiener mit einer Dornier Wal Asso 500 den Flugbetrieb zwischen Brindisi und Istanbul und erweiterten ihr Angebot bald auf die Relation Istanbul–Athen–Rhodos. Aero Expresso flog bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs die Türkei an und stellte später den Flugbetrieb ganz ein. Diesem ersten Aufschwung der Verkehrsluftfahrt musste die Infrastruktur rasch angepasst werden. Der Militärflugplatz Yesilköy/ Istanbul wurde um einen zivilen Teil erweitert, während bei Güvercinlik gleich ein neuer Zivilflughafen für Ankara gebaut wurde. 1930 gründeten die US-Amerikaner Hols und Kingbird in Istanbul die Türkische Luftpost (Türk Hava Postalari, THP) und richteten mit zwei Junkers F 13 die Flugpostline Ankara– Eskisehir–Istanbul ein. Zu den Besatzungen gehörten auch einige türkischen Piloten wie Basri Alev und Tahir Maner. Doch diese Phase währte nur drei Jahre, denn 1933, wurde die türkische Zivilluftfahrt einschneidend reorganisiert und in die alleinige nationale Verantwortung überführt. Während THP ihren Flugbetrieb einstellte, gründete sich am 20. Mai 1933 mit der Hava Yollari Devlet Isletme Idaresi (Staatliche Fluglinie, HYD) der Vorläufer der heutigen Turkish Airlines. Die neue Gesellschaft besaß ein Stammkapital von 180 000 Türkische Lira – das waren damals 90 000 US-Dollar – und stand unter Obhut des türkischen Verteidigungsministeriums. HYD erhielt ein gesetzlich verbrieftes Monopol über den zivilen Lufttransport in der Türkei. Unter der Leitung des ersten türkischen Flugzeugführers Fesa Evrensev – ein pensionierter Luftwaffenoberst mit einer französischen Fluglizenz vom Februar 1912 – und mit zwei Curtiss Kingbird D-2, zwei Junkers F 13 und 24 Angestellten nahm HYD wenig später den Passagier-, Fracht-, Zeitungs- und Postflugbetrieb auf. Aus Werbungsgründen wurden die ersten Kunden sogar kostenlos befördert. Im gleichen Jahr kam eine zehnsitzige ANT-9 hinzu, die neben drei Polikarpow R-5 und zwei Polikarpow U-2 anlässlich der Feierlichkeiten zum 10. Jahrestag der Staatsgründung als Geschenke aus der Sowjetunion eingetroffen waren...

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